Heute ist so ein Tag – und morgen ein ganz anderer

Vom ganz normalen Tanzen im Rhythmus der Migrationsberatungsstelle

Heute ist so ein Tag, ein fiktiver Arbeitstag im Fachdienst Migration der AWO in Schwerin, der so oder auch gut anders verlaufen könnte, da ist das Team der Beratungsstelle sehr flexibel.

Angenommen es ist Montag, kurz nach 8 Uhr. Die Kolleg*innen, die die telefonische Terminvergabe zwischen 8 und 9 betreuen, sammeln diverse Telefone ein, fahren den Computer hoch und schlagen das große Terminbuch auf. Schnell noch einen Kaffee aufgesetzt, da klingelt das erste Telefon, und da – auch gleich die Türklingel. Der Klient am Telefon möchte den Termin gern auf Arabisch vereinbaren und eigentlich möchte er sein Problem schnell am Telefon lösen. Das ist sehr verständlich, er wird aber dennoch auf die übliche Prozedur der Terminverabredung hingewiesen und der Hörer an die arabisch sprechende Kollegin weitergereicht, die erneut in Problemlösungsstrategien verwickelt wird.

Inzwischen klingelt es an der Bürotür, ein Klient ist persönlich zur Terminvergabe gekommen. In der Hand hält er einen beachtlichen Stapel an Briefen. Das sei aber alles kein Problem meint er, fünf Minuten bräuchte er. Jetzt, natürlich. Die Kollegin errechnet schnell das Verhältnis von Stapelgröße der Briefe zur Uhrzeit: Aus Gründen der Selbstfürsorge ist es eine Teamabsprache, diese vom Klienten gefühlten 5 Minuten nur in äußersten Notfällen zu gewähren, also wird der Klient mit dem schnellstmöglichen Termin versorgt und er ist trotzdem zufrieden.

Diesen Weg zur Beratungsstelle zu gehen, einen Termin zu vereinbaren, also für die eigenen Angelegenheiten selbstständig sorgen zu können, ist wichtiger Bestandteil der Arbeit im Fachdienst Migration. Die Qualität unserer Arbeit hängt in vielen Fällen damit zusammen, wie die Klient*innen selbst an der eigenständigen Lösung ihrer Probleme interessiert sind. Menschen mit diesem Interesse an Selbstwirksamkeit suchen uns täglich viele auf. Sie sind zum Teil durch ausländerrechtlich bedingte Lebensumstände, von den Folgen ihrer Flucht, durch menschliche persönliche Tragödien und manchmal einfach auch doofe Zufälle, Unfälle und immer aufgrund der Fremdheitserfahrung und der manchmal noch hohen sprachlichen Hürde gesellschaftlich benachteiligt. Einige brauchen wirklich nur einen Rat, andere bringen regelmäßig ihre bürokratischen Schriftwechsel zu uns und wieder andere brauchen temporäre intensive Beratung im Case-Management: alleinerziehende Mütter und Väter, Eltern mit behinderten Kindern oder eigenen Behinderungen,  von häuslicher Gewalt Betroffene, Verschuldete, Diskriminierungsopfer, Kinder in Not. Ein Termin enthält 60 oft viel zu kurze Minuten für komplexe Geschichten, Schicksale und zuweilen banalen Schreibkram und müßige Telefonate.

Im Warteraum der Beratungsstelle ist es inzwischen voll geworden an diesem Morgen. Die Kollegen spurten in ihre Büros, jonglieren mit Telefonen, checken den Zeitplan, überprüfen Todo-Listen und begrüßen die ersten Klienten. Dann wird es ruhiger auf dem Flur, hier und da dringen Stimmen und Lachen unter den Türen hervor. Und so gehen wir Kollge*innen gemeinsam mit den Klient*innen durch den Tag, lösen Dinge, vertagen andere, verweisen an Profis in speziellen Fällen. Wir machen Termine, hängen in Warteschleifen, streiten uns mit Behörden und mit Vorurteilen herum und sind manchmal verwirrt über unser eigenes Wertesystem, die gesellschaftlichen Normen und die menschliche Realität.

Heute ist so ein Tag in der Migrationsberatungsstelle und er könnte morgen ganz anders aussehen. Denn morgen steht „Papiere sortieren“ mit einer Klientin in meinem Plan. Was ich an diesem Tag noch nicht weiß: Sie wird kommen, und zwar mit zwei Umzugskartons auf einer Sackkarre.

Britta Weyer

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